Bo Moench
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Ein Drittel
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Auslöser dieses Textes war ein Beitrag im DER SPIEGEL vom 12.3.2012, Überschrift: „Die Hälfte?“ sowie die Lektüre des dort angekündigten Buches „Der Kulturinfarkt“.

 
 

                                          Ein Drittel                                       April 2012

Die Hälfte? Damit wären wir, Angestellte der örtlichen Musikschule einer von Finanznot gebeutelten norddeutschen Küstenstadt, mehr als zufrieden gewesen. Wir mussten mit der Reduktion unserer öffentlichen Zuschüsse um fast zwei Drittel klar kommen. Wenigstens lag zwischen Ankündigung und Durchsetzung des Sparbeschlusses ein ganzes Jahr - Zeit, die man zur Entwicklung eines neuen Betriebssystems für die Musikschule nutzen konnte. Denn das alte, soviel war klar, würde zu Bruch gehen.

Bei der Entwicklung des Neuen galt es, den unterschiedlichen Anforderungen von Lehrern, Schülereltern sowie der kommunalen Politik so gut wie möglich gerecht zu werden. Keine ganz leichte Aufgabe bei so unterschiedlichen Interessen:
            - Lehrer wollten weiterhin mittelstandssichernde Einkünfte;

            - Eltern stabile Unterrichtsgebühren, sowie schulische Mitgestaltungsmöglichkeiten;
            - die Politik wollte das Geld in sozialen musikpädagogischen Projekten genutzt sehen.

Erfolgreiche berufliche Tätigkeit erzeugt Stabilität, für den Einzelnen wie für das Gemeinwesen. Also schien es sinnvoll, bei den Lehrern anzufangen und zu prüfen, ob auch mit einem Drittel der Zuschüsse Existenzsicherung gelingen könnte. Eine Fortführung des Angestelltenmodells schied als Möglichkeit schnell aus. Dessen hierarchische Struktur würde Mehrkosten verursachen, da ein leitender Vorgesetzter für die erhöhte Verantwortung mehr verdienen müsste als die, denen er vorgesetzt wird - sonst macht es ja keiner. Die Lehrer würden als Selbständige ihre Schule gemeinsam leiten müssen, das hieße Sitzungsprotokolle schreiben, Schülerlisten erstellen, Bürodienste leisten...alles für lau.

Ohne treue Kunden keine Musikschule. Ein noch so sehr erklärbares Drehen an der Gebührenschraube hätte mehr Eltern abspringen lassen als Mehreinnahmen generiert. Deutschland verfügt- weltweit einmalig - über die Künstlersozialkasse. Diese versichert selbständige Künstler zu Angestelltenkonditionen, und  so könnten die Unterrichtsgebühren unverändert bleiben. Darüber hinaus wären Eltern, die den Lernort ihrer Kinder aktiv mit gestalten wollen, hoch willkommen. Denn bei allem Vertrauen in die Fähigkeit von Musikpädagogen, engagierten Unterricht und unternehmerische Initiative unter einen Hut zu bringen, gäbe es doch Bereiche, über die ohne Kontrolle von außen schnell das Warnzeichen "Befangenheit" stünde. Einem aus Lehrern gebildeten Vorstand wäre ein von Eltern und Kulturinteressierten jeglicher Couleur gebildeter Beirat zur Seite zu stellen, der den Haushalt der Schule  überwachen würde. Dach des Ganzen wäre ein zu gründender gemeinnütziger Verein. 

So erhielte auch die Politik einen Ansprechpartner. Nach Wegfall eines Großteils der Leitungs- und Verwaltungskosten durch die ehrenamtliche Mehrarbeit der Lehrer würde der überwiegende Teil der Fördersumme direkt in soziale musikpädagogische Projekte fließen können. Dorthin, wo es die Stadtbewohner nicht so dicke haben. Und die Lehrer könnten davon profitieren, denn Vereinsaufgaben für umme  zu machen ist das eine, die Bezahlung musikpädagogischer Tätigkeit das notwendig andere. Der Schule erwüchse so zusätzliche Schülerschaft in Kitas, Schulen, Jugendpflege, Lebenshilfe und Schulorchester, ohne bewährte Strukturen im Instrumental- und Gesangsunterricht zu beschädigen.  

Gedacht, getan. Einige Jahre später regt die Tatsache, dass die Stadt ihre öffentliche Dienstleistung "Musikschule" von selbständigen Kulturberuflern erbringen lässt, vor Ort niemanden mehr auf. Das war am Anfang nicht immer so. Es war, als rührte man an ein Tabu- selbständig schaffen statt unselbständig beschäftigt zu werden. Einerseits hieß es, dass das Soziale auf der Strecke bliebe, wenn Lehrer nur noch an ihre persönlichen Einnahmen dächten, andererseits befürchtete man, dass sie sich in basisdemokratischem Idealismus übernehmen würden. Die Vorbehalte hoben sich gegenseitig auf. Dabei steckt ein wahrer, mahnender Kern in beiden - der Erfolg der Schule verdankt sich soweit einer gelungenen Balance zwischen beiden Extremen.  

Soziale Sicherheit entsteht nicht durch eine arbeitsrechtliche Vertragsform, sondern durch zufriedene Kunden und Auftraggeber sowie den guten Ruf, den man sich als öffentliche Bildungseinrichtung zu erarbeiten bemüht. Das dafür notwendige gesunde Betriebsklima fiel bei uns nicht vom Himmel - Geduld, Toleranz und Teamfähigkeit wuchsen im Verlauf eines auf Ausgleich und Beteiligung ausgerichteten Prozesses, der stets verletzlich blieb, und gleichwohl große Stabilität erzeugte. Die Medaille unserer von uns selbst geführten Schule hatte dabei stets zwei Seiten. Auf der einen steht das Prinzip, dass Menschen emotionale Wesen sind, und im Umgang miteinander Missverständnisse, Enttäuschungen und Überforderungen passieren können. Bei unseren Sitzungen gilt bis heute: jeder kommt zu Wort. Wir machen unseren Herzen Luft - in der Gruppe Gleichberechtigter geht das besser als in der Hierarchie. Auf der anderen Seite steht die gemeinsam erkannte Notwendigkeit, die Lasten von Leitung und Verwaltung fair und transparent auf allen Schultern zu verteilen. Wären wir eine Wohngemeinschaft, so wäre es eine mit Putzplan im Klo, rotierendem Abwaschdienst in der Küche und regelmäßigen Bewohnertreffen. Last not least übertreiben wir das Gruppengeschehen nicht - die unternehmerische Initiative für den eigenen Unterricht verbleibt beim Einzelnen, wie auch die dort generierten Einnahmen.

In den letzten sechs Jahren als Selbständiger habe ich so jeden meiner Kollegen besser kennengelernt als in den vierzehn Jahren als Angestellter davor. Hier kann lediglich über Prinzipien unserer Arbeit gesprochen werden - jede Leitungsform, auch eine demokratische, lebt davon, dass Besprochenes im Raum bleibt. Der Zugewinn an Stärke und Zuversicht aber, den ich bei meinen Kollegen und Kolleginnen auf der zurückliegenden Wegstrecke beobachten konnte, und die Tatsache, dass alle noch an Bord sind, unterliegt der Geheimhaltung so wenig wie der innere Wunsch, zu einer nicht ganz unwichtigen Debatte möglichst fundiert beizutragen - ganz ohne Bekenntnis geht das nicht. Erfolgreicher Modellbau entspringt praktischer Erfahrung, gesellschaftlicher Fortschritt ihrer Weitergabe.

Was folgt aus dem Erlebten? Die reiche Kulturlandschaft Deutschlands kann erhalten, sogar ausgebaut werden, wenn es gelingt, die Bedürfnisse der öffentlichen Hand nach Sparsamkeit mit denen der Kulturarbeiter nach guten Arbeitsbedingungen und denen der Nutzer nach attraktiven Angeboten unter einen Hut zu bekommen. Gelingt dieser Dreiklang, so gelingt auch staatliche Kulturförderung, und mit ihr eine Vielfalt kulturberuflicher Erwerbsbiographien. Dass man die soziale Sicherheit zukünftiger Arbeitswelten nicht mehr mit den Maßstäben der Siebziger wird messen können, heißt nicht, dass man auf die Forderung nach einer Berufstätigkeit, die den Menschen materiell ernährt und sinnlich befriedigt, verzichten müsse. Folgende Grundsätze mögen bei dem Versuch ihrer Erfüllung zur Orientierung dienen:

1. Hierarchien abbauen.
Sie sind einfach teuer, führen zu einsamen Entscheidungen, erzeugen Flaschenhalseffekte, schwächen selbständiges Denken und wiegen Weisungsabhängige entweder in trügerischer Sicherheit oder machen ihnen Angst oder beides. 

2. Beteiligung ausbauen.

Je stärker jemand ins unternehmerische Risiko geht, um so mehr ist er an den Entscheidungen zu beteiligen, die seine Berufsausübung betreffen. Wenn Lehrer an Musik- oder Volkshochschulen bereit sind, in beruflicher Selbständigkeit den Laden zu übernehmen, so muss ihnen in Fragen, die ihre eigene Auslastung und die Ausrichtung ihrer Schule angehen, ein entsprechend gewichtiges Wort eingeräumt werden. Der momentan überbordende Einsatz sogenannter freier Mitarbeiter in Kultureinrichtungen ist ein beschäftigungspolitischer Rückfall in frühkapitalistische Arbeitsverhältnisse, weil er Menschen das unternehmerische Risiko voll aufbürdet, während er sie gleichzeitig von allen Entscheidungsprozessen ausschließt. Dieses Prekariat muss nicht sein.   

3. Kräfte bündeln.
Der Einbezug sozialer Aspekte, die Kontrolle bezuschusster Institutionen, der Überblick über Förderprogramme auf Ebene von Land, Bund und der EU - niemand kann das besser als die staatlichen Stellen vor Ort. Künstlerische Angebote schaffen, unternehmerische Initiative entwickeln, sich in Berufsgemeinschaften organisieren - das können die Kulturprofis. Sich für ihre Stadt begeistern, für das Gemeinwohl engagieren, Prozesse kritisch begleiten - das liegt in den Händen bürgerschaftlichen Engagements. Dort, wo diese unterschiedlichen Perspektiven zu einer konzisen Gesamtschau zusammengeführt werden, entsteht durch gegenseitige Checks and Balances sowie gemeinsamem Erfolgsinteresse die Stabilität, zu deren Erreichung in der Vergangenheit das hierarchische Modell herhalten musste.

4. Vorhandenes nutzen.

Kahlschlag ist immer Armutszeugnis - in jeder Hinsicht. Wer Laien- und Jugendkultur in den darstellenden Künsten fördern möchte, sollte die Staatstheater dafür öffnen, anstatt sie zu schließen. Die Künstlersozialkasse kann als ordnungspolitisch unbedenkliches Instrument Kunstschaffende zur Selbständigkeit und Selbstverwaltung ermutigen. Das Vereinsrecht ermöglicht künstlerischen und bürgerschaftlichen Gründergeist, sowie die passgenaue Kontrolle staatlicher Zuschüsse. Erfindungen sind selten mehr als die neue Verbindung bereits bestehender Dinge. Theaterprojekte für benachteiligte Jugendliche, Musik in der Altenpflege, Museen zur Aufwertung touristischer Attraktivität - je mehr Orte des kulturellen Austausches erhalten bleiben, umso leichter fallen neue und überraschende Kombinationen.

5. Vielfalt bejahen.

Gut ist, was gute Arbeit schafft - wie ist egal. Arbeit ist dann gut, wenn ihre Kosten bezahlbar, ihre Bedingungen für die sie Leistenden attraktiv und ihre Ergebnisse für die sie Nutzenden ansprechend sind. Die Voraussetzungen von Büchereien und Museen sind andere als die von Volks- und Musikschulen, die Situation im ländlichen Raum eine andere als in den Städten. Theatergruppen lassen sich leichter basisdemokratisch organisieren als das große Drei-Sparten-Haus. Die obigen Grundsätze lassen sich gleichwohl auf alle Arbeitsverhältnisse anwenden. "Hierarchien abbauen" z.B. kann deren komplette Demontage, aber auch ihre Abflachung oder Reduktion bedeuten. Beides spart Geld und führt zu mehr Mitarbeiterbeteiligung. Ersparen sollte man sich auf jeden Fall die Glaubenskriege - die Vielfalt verschiedener, auch konkurrierender Modelle kann auf sehr unterschiedlichen Wegen zum Erfolg führen.

Auslöser dieser Zeilen war der Spiegel-Beitrag vom 12.3., Überschrift: „Die Hälfte?“ sowie die Lektüre des dort angekündigten Buches „Der Kulturinfarkt“. Dass es dem Gemeinschaftswerk vierer Autoren - drei Professoren und ein Kulturstiftungs-Direktor – an Empathie wie Empirie fehlt, wurde in Rezensionen von Zeit bis NZZ bereits hinlänglich beleuchtet.

Ihm fehlt auch die innere Logik.

Mal fordert es "die harte kulturpolitische Diskussion, ob eine Förderentscheidung sinnvoll oder unsinnig sei", dann wieder die komplette Abstinenz jeglicher staatlicher Bewertung, um Steuerzahlers Geld per Lotterie unter die Künste zu bringen. Mal kritisiert es sozialdemokratische Gießkannenpolitik, von der es behauptet, dass sie in die privaten Kauf- und Konsumentscheidung selbständiger Bürger eingreift, den Markt verzerrt und zu dirigistischen Programmen wie "Jedem Kind ein Instrument" führt. Dann fordert es - kein Witz - dass der Staat jedem Kind ein Tablet-Computer spendieren soll. Die angeblichen Perspektiven zukünftiger Kulturpolitik käuen das redundante Lamento am Ist-Zustand des Buch-Anfangs wieder. Ihre oft im Konjunktiv oder in Frageform gefassten Forderungen sind derart global und unverbindlich, dass sie problemlos aus bestehenden Förderrichtlinien zusammen geklaubt sein könnten. So wird "Der Kulturinfarkt" seinem Untertitel voll gerecht: "von allem Zuviel und überall das Gleiche". Die Ausgangskritik der Autoren an Auswüchsen selbstreferenzieller Realitätsresistenz in der Kulturförderung mag durchaus ins Schwarze treffen, nur beweist ihre Unfähigkeit zur Formulierung konkreter Alternativen die eigene Zugehörigkeit zur Zielscheibe. 

Schlusswort? In einer materiell weitgehend gesättigten Gesellschaft und einer stark vom volatilen Export von Autos und Maschinen abhängigen Volkswirtschaft öffnet intelligente Kulturförderung neuen, sinnstiftenden wie ökologisch unbedenklichen Wirtschaftskreisläufen die Tür. Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ trifft auf Ludwig Erhards unternehmerischen Optimismus eines neuen „Wohlstands für alle“. Der Staat fördert so nicht aus Mitleid, sondern Selbstinteresse. Die Bedürfnisse von Menschen nach Sinn, Beteiligung und existenzsichernder Berufstätigkeit – kurzum einem guten Leben – sind unendlich. Kann man was draus machen...